Die Handwerksform Hannover zeigt im Oktober Grabzeichen und Objekte der Bestattungskultur

Hannover, 29. September 2005.- Seit mehr als 40 Jahren werden in der Handwerksform Hannover hochkarätige Ausstellungen zu Themen aus unterschiedlichsten Werkbereichen gezeigt, um auf die Leistungsfähigkeit des gestaltenden Handwerks aufmerksam zu machen. Jetzt gibt es eine Premiere. In der Ausstellung „Das letzte Geschenk“ steht erstmals das Steinmetz- und Holzbildhauerhandwerk im Mittelpunkt einer Ausstellung der Handwerksform Hannover.
Zwar sind die Zeiten, in denen der Übergang vom Leben in den Tod bis ins Detail rituell geregelt war, längst passé. Dennoch gibt es auch heute noch das Bedürfnis, dem Andenken an den Verstorbenen und der Trauer sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Grabmale sind solche besonderen Zeichen der Erinnerung. Sie sind das letzte Geschenk, das Hinterbliebene den Toten machen können. Dass es durchaus spannend sein kann, sich mit der Gestaltung dieses letzten Geschenks frühzeitig zu beschäftigen, und dass diese Beschäftigung zu überraschenden und ganz besonderen Ergebnissen führen kann, das zeigt seit einigen Jahren die Gruppe „Herbstzeitlose“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die etwas anderen Grabsteine zu kreieren.

In der Ausstellung „Das letzte Geschenk“ sind neun Mitglieder der Gruppe mit ihren Exponaten vertreten. Aus der Region Hannover stammt Uwe Spiekermann (Langenhagen). Der Steinbildhauermeister wurde 2004 mit dem Förderpreis des gestaltenden Handwerks des Landes Niedersachsen ausgezeichnet. In der Ausstellung „Das letzte Geschenk“ zeigt er eine dreiteilige Arbeit: eine Kieselstele aus Anröchter Dolomit, deren Oberfläche matt geschliffen ist und zwei Schalen. Die Schale „gewandelt“ ist für die Grabstelle gedacht und kann dort auch als Wasserbecken dienen. Die kleinere Schale „nicht genommen“ dient den Hinterbliebenen als Erinnerungsort daheim.

Von Kathrin Harloff-Weidner, Steinbildhauerin in Oldenburg, stammt ein Grabstein aus Obernkirchener Sandstein, der sich durch einen an ein Schiff erinnernden großen Durchbruch im Mittelteil auszeichnet. Damit soll der Übergang des Körpers in einen rein beseelten Zustand dargestellt werden.

Der Steinbildhauer Nikolas Seubert aus Berlin hat für seine Grabstele eine Kombination aus dunklem Stein und Metall gewählt. Der Stein umschließt schmiedeeiserne Wellen, die den Lauf des Lebens in seiner Bewegtheit symbolisieren sollen. Ganz bewusst wurde auf eine Behandlung des Eisen verzichtet: es rostet, es wandelt sich, es steht für die Vergänglichkeit des Seins.

Absolut ungewöhnlich ist die Arbeit „Hecht mit Bleikrone in einem Grabmal“ des Steinbildhauermeisters Christian Prenzler aus Hildesheim. Er hat eine 70 Zentimeter lange Kalksteinfigur gefertigt, die grob behauen und dann mit einer eigens gegossenen Krone aus Blei versehen wurde. Die gestalterischen Impulse kamen durchweg von den Auftraggebern, die den Hecht, der ursprünglich ein Geburtstagsgeschenk gewesen war, als zentrales Element des Grabmales auswählten.

Ole Meinecke, Steinmetz- und Steinbildhauermeister aus Berlin, hat als Material seines auffälligen Grabzeichens roten Sandstein gewählt. Er hat daraus eine Kugel mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern gefertigt, in die verschieden große Löcher eingearbeitet sind. Meineckes Kommentar dazu: „Die Kugel ist eine kosmische Form. Mithilfe der Löcher gelangt Licht ins Dunkel.“

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Michael Spengler mit seiner Arbeit. Der Steinmetz und Diplom-Bildhauer aus Berlin hat aus einem Berliner Straßenbaum einen „Schrein“ gefertigt. Einen Schrank mit einem Fach, in dem eine Urne steht. Ein Gefäß für verbranntes Leben, herausgesägt aus dem Mittelteil des Baumes. Die Urne soll auf dem Friedhof vergraben werden. Im Schrein, der zuhause aufbewahrt wird, entsteht dadurch ein leerer Raum, der mit Erinnerungen gefüllt werden kann. Erinnerungen vom gewesenen Leben.

„Spirale des Lebens“ hat Susanne Wenzel-Pape das von ihr gestaltete Grabzeichen betitelt. Die Steinbildhauermeisterin aus Zeven ließ sich dabei insbesondere von der Tatsache, dass der Lebensweg eines jeden Menschen nicht immer ganz gradlinig und glatt verläuft, obwohl wir alle ein Ziel verfolgen. Wir wollen ein langes und glückliches Leben führen. Der Tod als „Sollbruchstelle“. Eine aus Metall gefertigte Spirale im Zentrum des Steins symbolisiert den Übergang von der endlichen in die endlose Zeit nach dem Tod.

Durch seine leuchtend rote Farbe fällt das von Thomas Westerhellweg (Gütersloh) gestaltete Grabzeichen sofort ins Auge. Wahrlich kein Grabstein, der sich versteckt. Mit seiner Höhe von 168 Zentimetern und seiner Kombination aus Eiche, Stahl und Schwedenrot trotz der streng geometrischen Form auf jeden Fall ein ganz besonderer Blickfang.

Auch der Steinmetz- und Steinbildhauermeister Christoph Wolf aus Göttingen hat für sein Grabzeichen eine Materialkombination gewählt: Golden Stone und Metall. Darüber hinaus wurde ein vorhandenes Gemälde in eine dreidimensionale Form umgesetzt als letztes Geschenk. Dabei wurde die Farbgebung im Vergleich zum ursprünglich vorhandenen Gemälde umgekehrt.

Neben den Arbeiten der Steinmetze und Holzbildhauer sind in der Ausstellung Exponate von Gästen aus den Bereichen Holz, Keramik, Metall und Schmuck zu sehen. Die Schmuckgestalterinnen Britta Oerding und Hanna-Kathrein Zinßer, beide aus Hannover, zeigen zeitgemäß gestalteten „Trauerschmuck“. Die Keramikerinnen Steffi Herz (Schlüchtern) und Ulrike Struck (Dörentrup) haben sich des Themas individuell gestalteter Urnen angenommen. Und dass auch Särge Unikatcharakter haben können, zeigen die Sargmodelle von Manuel Hopp und Henning Gabrielsson (Bokel) sowie die Werkakademie für Gestaltung und Design im Handwerk.

Besonders reizvoll: die Grabmale, die normalerweise in naturnahen Räumen von Landes- und Bundesgartenschauen gezeigt werden, sind in der Handwerksform Hannover in einem ganz anderen Kontext zu sehen. Ohne Schnörkel und „ablenkendes Grün“ drum herum. Das erlaubt einen neuen und unverstellten Blick auf das Thema und die Gestaltungsmöglichkeiten eines traditionsreichen Handwerks. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.


Ausstellungseröffnung:
Freitag; 30. September 2005, 20 Uhr

Ausstellungslaufzeit:
01. Oktober bis 29. Oktober 2005

Ort:
Handwerksform Hannover, Berliner Allee 17, 30175 Hannover

Öffnungszeiten:
Di - Fr 11-18, Sa 11-14
So, Mo und an gesetzlichen Feiertagen geschlossen

Ansprechpartner für die Presse:
Dr. Sabine Wilp

online seit 01. Mrz 2006, aktualisiert am 01. Mrz 2006

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