Staatspreis-Retrospektive: ein halbes Jahrhundert ausgezeichnetes Kunsthandwerk in Niedersachsen
Hannover, 15. September 2008.- Auf der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk Niedersachsen e.V. im Fürstensaal des Rathauses in Lüneburg vergab der damalige Wirtschaftsminister Alfred Kubel erstmalig drei Preise für hervorragende Leistungen des Kunsthandwerks in Niedersachsen. Dies war die Geburtsstunde des Niedersächsischen Staatspreises für das gestaltende Handwerk, der im Jahr 2008 sein 50jähriges Jubiläum feiert. Die Handwerksform Hannover hat aus diesem Grund eine Retrospektive ausgerichtet, die im September und Oktober in den Ausstellungsräumen an der Berliner Allee 17 zu sehen ist.
Trotz intensiver Bemühungen war es nicht möglich, von jedem der 50 bisherigen Staatspreisträgerinnen und Staatspreisträger ein Exponat für die Ausstellung aufzufinden. Dennoch ist die Retrospektive, in der die Arbeiten von 31 Kunsthandwerkern von 1958 bis heute zu sehen sind, durchaus repräsentativ. Sie bietet damit einen einzigartigen Einblick in ein halbes Jahrhundert kunsthandwerklichen Schaffens in Niedersachsen.
1958, 1959
Die ersten Preisträger waren Johanna Harre, Klöpplerin aus Hannover, der Metallgestalter Carl van Dornick aus Hildesheim/Wohldenberg, der lange Jahre die Studieninhalte des Fachbereichs Metallgestaltung an der Fachhochschule Hildesheim bestimmte, und der Drechslermeister Heinrich Meyer aus Brockel, dessen Sitzmöbel sogar im Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel gezeigt wurden. Die Auszeichnung war mit einem Preisgeld von je 1.000 DM verbunden.
Der 1979 verstorbene Carl van Dornick, der 1955 die niedersächsische Bildungsstätte für Metallgestalter gründete und viele Jahre lang als Fachlehrer, künstlerischer Mitarbeiter und Professor an der Fachhochschule Hildesheim tätig war, ist in der Ausstellung mit einer silbernen, 21 cm hohen Kanne vertreten.
Von Drechslermeister Heinrich Meyer aus Brockel zeigt die Ausstellung ein Sitzmöbel, das bis Mitte der 90er Jahre zur Ausstattung des Zimmers des Präsidenten der Handwerkskammer Hannover gehörte. Klar und gradlinig die Formensprache, qualitätvoll in den Materialien zeigt die Couch trotz jahrzehntelanger Nutzung kaum Abnutzungserscheinungen.
Die 1960er Jahre In den Jahren 1960 bis 1969 wurde der Staatspreisträger insgesamt zwanzigmal vergeben. 11 Preisträger dieser Zeit sind in der Ausstellung mit Exponaten vertreten. Den Reigen eröffnet der Gold- und Silberschmied Theodor Blume aus Hildesheim. Er machte sich vor allem durch die Herstellung von außergewöhnlichem Tafelsilber einen Namen. Seine handgetriebenen Trinkgefäße - wie die Serie „Mundbecher", die in der Ausstellung zu sehen ist - waren seinerzeit weit über die Grenzen von Hildesheim hinaus bekannt.
Meisterlich war auch die Handwerkskunst von Friedrich W. Reese, übrigens der einzige in der Liste der Staatspreisträger, der zweimal mit dem Preis ausgezeichnet wurde. 1960 und 1978. Die handgeflochtenen Weiden- oder Rattankörbe von Reese überzeugen bis heute nicht nur durch ihre Formensprache, sondern auch durch ihre handwerkliche Qualität. Seine Körbe sind nahezu unverwüstlich.
Der 1930 geborene Jürgen Ahrend gründete bereits mit 24 Jahren gemeinsam mit Gerhard Brunzema eine Orgelbaufirma. Er lebt und arbeitete im ostfriesischen Leer und machte sich vor allem mit der Restaurierung der 1693 entstandenen Arp Schnitger-Orgel in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg sowie der Ebert-Orgel in der Innsbrucker Hofkirche einen Namen.
Der Schmuck von Hadfried Rinke ist prägnant, von klarer, klassischer Proportion. Bekannt geworden ist er vor allem durch die Anfertigung des Kaiserrings, den die Stadt Goslar seit 1975 alljährlich vergibt. 33mal hat Rinke den Ring mittlerweile angefertigt, immer mit den gleichen Materialien und auf der Basis desselben Entwurfs und trotzdem ist jeder Ring ein Unikat.
Seine Drechselkunst ist legendär, und sehr, sehr viele deutsche Drechsler sind durch seine Schule gegangen. Die Rede ist von Prof. Gottfried Böckelmann, dem „Drechslerpapst", der 1957 in der Werkkunstschule Hildesheim (der späteren Fachhochschule) eine Abteilung für Drechsler aufbaute. Von 1973 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1993 unterrichtete er hier die Entwurfsgrundlagen für Gerät, Gefäß und Möbel. In der Ausstellung sind von ihm vier Dosen und eine Schale zu sehen.
Der 1903 in Dortmund geborene und 1996 in Worpswede gestorbene Keramiker Otto Meier, gilt als der stille Meister des 20. Jahrhunderts. Er hat bis heute Vorbildfunktion für Keramiker und seine Arbeiten sind in öffentlichen Sammlungen vertreten, z.B. im Museum August Kestner in Hannover und im Focke Museum Bremen. Dank der freundlichen Unterstützung seiner Tochter Susanne Meier können in der Staatspreis-Retrospektive zwei Gefäßobjekte gezeigt werden.
Die 1970er Jahre
Von 1958 bis 1967 wurde der Staatspreis jährlich vergeben. Dann folgte eine Unterbrechung von drei Jahren. Ab 1970 wurde die hohe Auszeichnung dann nur noch alle zwei Jahre verliehen. 1972 wurde unter anderem Hans Georg Müller, Tischler aus Worpswede mit dem Preis geehrt. Müller ist berühmt für seine Intarsienarbeiten. In der Retrospektive ist er mit zwei jeweils 143 x 148 cm großen Intarsienbildern mit den Titeln „In Honnore Giorgio de Chirico" und „Stonehenge Sunrise Juni 21". Ein besonderes Exponat aus der Werkstatt Müllers ziert darüber hinaus seit den 80er Jahren die Rückwand des Großen Saales der Handwerkskammer Hannover.
Der gelernte Goldschmied Moritz Bormann, der 1974 den Staatspreis erhielt, arbeitet seit mehr als 80 Jahren in der Bischofsmühle als Bildhauer. Der Aufbau dieses Kulturzentrums mit Atelier und Jazzclub ist ein zentraler Teil seiner künstlerischen und kulturpolitischen Arbeit. Bormann hat über die Jahre eine ganz eigene Formensprache entwickelt. Davon zeugt auch seine aktuelle Skulptur „Luftsprung" aus Stahl und Plexiglas, die er zur Retrospektive beigesteuert hat.
Eine unglaubliche Stilsicherheit, puristische, höchst elegante Formen und Handwerkskunst frei von jeglicher Schwere - das sind die Charakteristika der Exponate von Ulla und Martin Kaufmann aus Hildesheim. Beide sind 1941 in Hildesheim geboren und arbeiten nach wie vor in ihrer Heimatstadt als Gold- und Silberschmiede. Sie gehören seit langem zur internationalen Elite ihrer Profession. Von der Qualität ihrer Arbeiten zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Staats- und Designpreise, die die Kaufmanns mittlerweile erhalten haben. In der Retrospektive zeigen sie silbernes Tafelgerät und Schmuck.
1980 bis 1989
Achtmal wurde der Staatspreis in den Jahren 1980 bis 1989 vergeben. Zwei Fotografen, drei Goldschmiede, ein Keramiker, ein Holzspielzeugmacher und ein Metallgestalter konnten sich über die hohe Auszeichnung freuen. Sechs Preisträger sind mit Exponaten in der Ausstellung vertreten.
Unter ihnen der über die Grenzen Hannovers hinaus bekannte Fotograf Joachim Giesel, der vor allem mit seinen Porträts prominenter Personen immer wieder für Furore sorgte. In der Retrospektive ist ein anderer Aspekt seines Schaffens zu sehen. Gezeigt werden Aufnahmen von der innerdeutschen Grenze aus der Serie „Grenzland-Niemandsland".
1991 bis 2007
Seit 1993 wird der Staatspreis für das gestaltende Handwerk nur noch alle drei Jahre vergeben. Alle sieben Preisträgerinnen und Preisträger, die die Auszeichnung seit 1991 erhalten haben, sind in der Ausstellung zu sehen: drei Goldschmiedinnen aus Hannover (Ulrike Knab, Jutta Arndt und Maike Dahl), der Metallgestalter Peter Schmitz und der Drechsler Hans J. Weißflog aus Hildesheim sowie die für ihre Gefäße und Schalen in Millefiori-Technik berühmte Glasgestalterin Gabriele Küstner aus Göttingen.
Eröffnet wird die Retrospektive durch Walter Hirche, den Niedersächsischen Minister für Wirtschaft für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, der auch die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat. Er kündigte an, dass der mit 5.000 Euro dotierte Staatspreis sowie die beiden jeweils mit 2.500 Euro ausgestatteten Förderpreise für das gestaltende Handwerk weiterhin vergeben werden und gab den Startschuss für die neue Bewerbungsrunde 2009/2010.
Ausstellungseröffnung:
Freitag, 19. September 2008, 20 Uhr
Ausstellungsdauer:
20. September 2008 bis 18. Oktober 2008
Ausstellungsführungen:
Donnerstag, 25. September 2008, 16.30 Uhr mit Goldschmiedin Jutta Arndt
Donnerstag, 09. Oktober 2008, 16.30 Uhr mit Gold- und Silberschmiedin Maike Dahl
Ort:
Handwerksform Hannover, Berliner Allee 17, 30175 Hannover
Öffnungszeiten:
Di - Fr 11-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr,
So, Mo und an gesetzlichen Feiertagen geschlossen
Eintritt frei
Ansprechpartnerin für die Medien:
Dr. Sabine Wilp