Handwerksform

Die Ausstellung "Karfunkelschein" bringt die Handwerksform Hannover zum Glitzern

Hannover, 21. März 2014.- Dass Gold- und Silberschmiedinnen nicht nur mit edlen Metallen und kostbaren Steinen arbeiten, das ist heutzutage durchaus nichts Ungewöhnliches. Dass sie aber die Hinterlassenschaft eines ganzen für seinen Modeschmuck berühmten Unternehmens zur Verfügung haben, um daraus zeitgemäßen Schmuck zu designen, das ist durchaus nicht normal. Es muss daher wirklich ein Fest für die 25 Gold- und Silberschmiedinnen aus sechs Ländern gewesen sein, die im August 2011 an einem Workshop mit Materialien der Firma Prade teilnahmen.

Das Modeschmuckunternehmen wurde 1922 von Richard Prade in Gablonz in Nordböhmen gegründet und bestand von 1948 bis 1995 in Schwäbisch Gmünd fort. Dass die Modeschmuck-Werkstatt fast nur in Fachkreisen bekannt ist, lag daran, dass ihre Erzeugnisse zwar weltweit bis hin nach Amerika, England und Afrika vertrieben wurden, aber nicht unter einem eigenen Label, sondern über ein ausgedehntes Händlernetz. Prade-Schmuck erschien unter dem Label Coro in New York, Miriam Haskell, Trifari oder Elsa Schiaparelli in Italien. Gestalterisch orientierte man sich an den textilen Kollektionen der jeweiligen Zeit, nahm Farben und Formen auf und spielte mit neuen Materialien und Kombinationen.

Bis in die Mitte der 90er Jahre entstanden so meisterhaft von Hand gefertigte Kleinserien. Modeschmuck von Prade - das war reinstes Kunsthandwerk. Alles wurde eigens entworfen - bis hin zu den Glassteinen. Jeder Draht wurde von Hand gebogen, jeder Stein gefasst, jede Verbindungsstelle gelötet und jedes Stück Metall sorgfältig gehämmert. Etwa 30.000 Artikelnummern umfasste der Bestand der Pradeschen Schmuckwerkstatt.

Noch heute liegen im ehemaligen Firmensitz wahre Schätze von Glassteinen, Glasperlen, Ketten und sonstigen Materialien. Eine Fundgrube für die Workshop-Teilnehmerinnen, die daraus üppigen und voller Leben steckenden Modeschmuck fertigten, der in allen Regenbogenfarben leuchtet.

Im März und April ist die Ausstellung mit dem sprechenden Titel „Karfunkelschein“ in der Handwerksform Hannover zu sehen. Die hannoversche Goldschmiedin Ulrike Knab hat als eine der Dozentinnen den Workshop der Schmuckgestalterinnen betreut und holte jetzt als Kuratorin die Ausstellung in die Handwerksform Hannover. Neben den Arbeiten der 24 Teilnehmerinnen ist natürlich auch eine prägnante Auswahl von Original-Prade-Schmuckstücken zu sehen.

"Brilliant Memories" hat Tamara Grüner die Schmuckserie genannt, in der sie sich mit der Vergangenheit der böhmischen Modeschmuckmacher-Familie Prade auseinandersetzt. Bunte Glassteine, Kunststoffstücke und Tombakteile werden der Vergangenheit entrissen und zu funkelnden neuen Kunstgebilden zusammengesetzt. Die Farbigkeit nimmt dem Schmuck die Strenge und verzaubert den Betrachter. Schnörkel wirken nicht wie Verzierungen, sondern wie ein notwendiges Detail. Sehr spannend zu beobachten, wie Tamara Grüner durch die Kombination mit Porzellan und Kunststoff den alten Materialien neues Leben einhaucht.

Überraschende Verfremdungen - dafür stehen die Schmuckstücke, die Lourdes Carmelo für die Ausstellung beigesteuert hat. Metallpressungen und Glassteine hat sie in Schrumpfschläuche gesteckt, alles mit neutral übermalten Holzelementen zusammengefügt, und so entstehen Ketten und Broschen, die zwischen modern und archaisch changieren und bei denen am Ende fast nichts mehr von den ursprünglichen Materialien zu erkennen ist.

Einen ganz anderen Zugang zu den Prade-Hinterlassenschaften fand Beate Eismann. Materialverpackungen, Geschäftsbriefe, Beschriftungen und handschriftliche Notizen, die von der überregionalen Vernetzung der Firma Zeugnis ablegen, haben es ihr besonders angetan. Diese Faszination wird in Beate Eismanns Schmuck deutlich.

Die hannoversche Goldschmiedin Ulrike Knab ist es gewohnt, in ihrer Arbeit auf Fundstücke und Hinterlassenschaften zurückzugreifen und ganz disparate Dinge zu einem zeitgemäßen Schmuckstück zusammenzufügen. Das zeigt sich auch in der Bearbeitung der Prade-Materialien. Da werden witzige kleine vergoldete Tombak-Teile - Regenschirm, Schlittschuh, Kamm, Herzchen, Fußball und Kuhglocke - zu einem Halsschmuck zusammengesetzt, der an die beliebten Bettelarmbänder erinnert. Das könnte kitschig und verspielt wirken. Aber durch den völligen Verzicht auf farbige Elemente entsteht der Eindruck eines kostbaren, hochwertigen Colliers.

Laurence Verdier bediente sich bei der Schmuckherstellung ausschließlich textiler Techniken: häkeln, sticken, wickeln. Sie verzichtete weitgehend auf den Einsatz von glitzernden Steinen und verwandelte einfache Eloxalketten in wertvolle Häkelgespinste.

Die Ausstellung ist ein wahrer Augenschmaus für alle diejenigen, die Schmuck in den ungewöhnlichsten Formen, Farben und Materialkombinationen mögen. Es ist ein Katalog erschienen, der in zwei unterschiedlichen Fassungen vorliegt: der reinen Text- und Bildfassung und in einer Pracht-Ausgabe, die um eine Auswahl von Prade-Schmuckteilen ergänzt wurde. Auch der opulente Prade-Bildband kann in der Handwerksform Hannover erworben werden.

Ausstellungseröffnung:
Freitag, 21. März 2014, 20-22 Uhr

Begrüßung
Jans-Paul Ernsting, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover

Einführung:
Prof. Dr. Jürgen Wertheimer, Universität Tübingen

Ausstellungsführungen:
Donnerstag, 27. März 2014, 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr
Donnerstag, 10. April 2014, 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr
mit Rüdiger Tamm von der Werkakademie für Gestaltung und Design im Handwerk Niedersachsen e.V.

Karfunkelschein-Workshops für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren:
Mittwoch, 16. April 2014, 15.30 bis 18.30 Uhr (ausgebucht!)
Donnerstag, 17. April 2014, 15.30 bis 18.30 Uhr (einige wenige Restplätze!)
Workshop-Leitung: Ulrike Knab

Schriftliche Anmeldung zu den Workshops ist erforderlich. Das Anmeldeformular steht im Internet unter www.hwk-hannover.de/abenteuerwerkstatt zum Download bereit: Die Teilnahme ist kostenfrei.

Wir danken der Firma Prade und der Firma Tiffany Corner (Hannover) herzlich für die kostenlose Bereitstellung der Materialien für die Workshops.

Ladies Night:
Donnerstag, 24. April 2014, 18 bis 20 Uhr
Wir bieten an diesem Abend die einzigartige Möglichkeit, Original Prade Schmuckstücke aus den Jahren 1950 bis 1990 zu erwerben.

Ausstellerinnen:
Isabell Baumert - Christine Behrendt - Linda Berger (A) - Julie-Theresia Angelika Blumer - Lourdes Carmelo (E) - Justine Dalferth - Beate Eismann - Flavia Fenaroli (I) - Tamara Grüner - Margaretha Held - Isabell Kellner - Anne Kessler - Sabine Klarner - Ulrike Knab - Iris Köhnke - Ursula Muck - Alkie Osterland - Galatée Pestre (F) - Doris Raymann-Nowak - Sabine Reichert - Ulrike Rößler - Julia Schulz - Laurence Verdier (F) - Christina Wolff

Ansprechpartnerin für die Medien:
Dr. Sabine Wilp