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Landtagswahl in Niedersachsen 2017

Handwerkskammer Hannover legt Positionen zu zentralen Handlungsfeldern vor.

Hannover, 04. August 2017.- Am 15. Oktober 2017 finden in Niedersachsen vorgezogene Landtagswahlen statt. Diese Wahlen hat die Handwerkskammer Hannover zum Anlass genommen, die Positionen des Handwerks zu zentralen Handlungsfeldern vorzulegen.

Im Bezirk der Handwerkskammer Hannover gibt es 18.872 Handwerksbetriebe, in denen rund 103.000 Menschen und etwa 8.000 Lehrlinge arbeiten (Stand: 31.12.2016). Im vergangenen Jahr erwirtschafteten diese Betriebe einen Umsatz von etwa 8,3 Mrd. Euro. Das Handwerk ist also ein unverzichtbarer Bestandteil der niedersächsischen Wirtschaft, für den eine handwerksgerechte Politik von existenzieller Bedeutung ist.

Die von der Handwerkskammer Hannover vorgelegten Positionen verdeutlichen die aktuellen Probleme des Handwerks und zeigen auf, wie eine handwerksgerechte Politik durch die zukünftige Landesregierung gestaltet werden kann. Gleichzeitig appelliert die Kammer damit an die Politik, die Vorschläge im Rahmen einer zukunftsorientierten und verantwortungsbewussten Landespolitik zu berücksichtigen.

Duale Berufsausbildung stärken, um Nachwuchs zu gewinnen

Die Konjunktur im Handwerk verläuft seit einigen Jahren erfreulich. Auch die Aussichten sind weiterhin grundsätzlich positiv. Allerdings könnte sich der Mangel an Fachkräften hier über kurz oder lang nachteilig auswirken.

Der Trend der letzten Jahre – eine allzu einseitige Ausrichtung auf einen akademischen Bildungsweg – hat dazu geführt, dass sich der Fachkräftemangel im Handwerk immer stärker bemerkbar macht. Es ist daher allerhöchste Zeit, dass die Politik gegensteuert und die duale Ausbildung stärker in den Fokus nimmt. Dazu gehört unter anderem, dass das Thema Berufsorientierung in allen Schulformen verstärkt wird. Auch in Gymnasien gehört es auf die Tagesordnung. Nur so können wir jungen Menschen deutlich machen, dass handwerkliche Berufe attraktiv sind, gute Karrierechancen und damit eine gleichwertige Perspektive zu Abitur und Studium bieten.

Darüber hinaus fordern wir den Rückbau von vollzeitschulischen Angeboten, die oftmals einen unmittelbaren Übergang in eine Ausbildung verhindern. Stattdessen sollte alles dafür getan werden, um eine direkte Vermittlung in Ausbildung zu fördern.

Berufsschulen sollten verstärkt finanziell gefördert werden. Sie brauchen eine bessere Ausstattung, attraktivere Lehrangebote und vor allem mehr Lehrkräfte, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern.

Darüber hinaus muss die Förderung der Bildungszentren des Handwerks nach wie vor ganz oben auf der Agenda der Bildungspolitik stehen, denn hier finden die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung, die Meisterqualifizierung sowie die Weiterbildung im Handwerk statt. Sie fördern direkt die Innovations- und Entwicklungsfähigkeit des kleinbetrieblich strukturierten Wirtschaftsbereiches des Handwerks. Aus diesem Grund erachten wir eine umfassende Förderung der Bildungszentren für zwingend notwendig.

Die derzeit laufende energetische Modernisierung auf dem Campus Handwerk in Garbsen-Berenbostel stellt die Handwerkskammer Hannover vor enorme finanzielle Herausforderungen, denn der Eigenanteil, den die Kammer zu erbringen hat, beträgt 35 Prozent. Sie appelliert daher an die Politik, den Anteil der Landesförderung im Rahmen der Richtlinie deutlich zu erhöhen.

Auch im Bereich der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (ÜLU) gibt es einen erhöhten Mittelbedarf. Bislang basiert die Förderung auf lehrgangsbezogenen Festbeträgen, die von den realen Lehrgangskosten teils erheblich abweichen. Die hieraus resultierenden Mehrbelastungen müssen von den ÜLU-Trägern regelmäßig an die Betriebe weitergegeben werden und sind gerade für kleine Betriebe nur schwer zu finanzieren.

Darüber hinaus fordert das Handwerk, dass die Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen verbessert wird. Für Studienumsteiger und Studienabbrecher sollte an Hochschulen ein Beratungsangebot im Hinblick auf die Chancen der beruflichen Bildung vorgeschrieben werden.

Meisterbrief erhalten – Meisterausbildung fördern

Der Meisterbrief als Zugangsvoraussetzung zur selbstständigen Handwerksausübung muss erhalten bleiben. Die Erfahrungen mit der Novelle der Handwerksordnung (HwO) 2004 zeigen, dass der damals eingeschlagene Weg zu einer Dequalifizierungsspirale und deutlichen Qualitätseinbußen geführt hat. Die mit der Novelle verbundenen Hoffnungen auf mehr Beschäftigte und mehr Ausbildung haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil. Allen Initiativen aus Brüssel, die Meisterpflicht weiter auszuhöhlen, muss das Land Niedersachsen entschieden entgegentreten.

Der Meisterbrief beschneidet nicht die Wettbewerbsfreiheit und bremst nicht das Wachstum. Er sichert die Qualität von handwerklichen Produkten und Dienstleistungen und stellt damit den besten Verbraucherschutz dar, den man bekommen kann.

Das Handwerk fordert daher, die Meisterausbildung wieder zu stärken und die Meistervorbereitung dem Studium finanziell gleichzustellen. Lehrgangs- und Prüfungskosten sollten vom Staat finanziert werden.

Darüber hinaus macht sich die Handwerkskammer Hannover für eine Meistergründungsprämie stark, die in anderen Bundesländern wie Bayern, Berlin, und Nordrhein-Westfalen bereits erfolgreich eingeführt wurde. Die Vergangenheit lehrt, dass Gründer ohne Meisterbrief tendenziell weniger sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffen (Stichwort Soloselbstständigkeit) und weniger ausbilden. Durch eine Meistergründungsprämie lassen sich jedoch gezielt qualifizierte Gründungen im Handwerk anreizen. Dies schafft in der mittleren Frist Ausbildungs- und Beschäftigungsplätze und hebt die Qualität im Sinne der Verbraucher.

Unternehmensnachfolge im Handwerk unterstützen

Eine große Herausforderung für Handwerksbetriebe liegt nicht allein in der demografischen Entwicklung und dem daraus resultierenden Mangel an Fachkräften. Wenn weniger ausgebildet wird, dann bedeutet das mittelfristig auch, dass einen Mangel an handwerklichen Unternehmerinnen und Unternehmer geben wird, die bereit und in der Lage sind, bestehende Betriebe weiterzuführen.

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: In den kommenden fünf Jahren plant jeder fünfte Inhaber seinen Betrieb an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu übergeben. Wenn das nicht gelingt, dann verschwinden diese Betriebe vom Markt. Von den mehr als 19.000 Unternehmen im Bezirk der Handwerkskammer Hannover stehen damit in den kommenden fünf Jahren mehr als 3.800 Betriebe zur Übergabe an. Ohne geeignete Nachfolgerin oder geeigneten Nachfolger an der Unternehmensspitze droht der Verlust von Know-how, Wertschöpfung und nicht zuletzt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen im Handwerk.

Ein erfolgreich gestalteter Generationswechsel im Handwerk ist Grundvoraussetzung, um die Wirtschaftsleistung im Land Niedersachsen und natürlich auch im Handwerkskammerbezirk Hannover zu erhalten. Die derzeitige Förderung des Einsatzes von Nachfolgemoderatoren und -moderatorinnen ist hierfür der richtige Ansatz. Der Förderzeitraum endet jedoch bald, ohne dass Übernehmer leichter zu finden wären. Deshalb wäre es wichtig, die Förderung zu verstetigen.

Zukunftsfähigkeit des Handwerks sichern – Digitalisierung vorantreiben

Digitale Technologien beeinflussen das Handwerk in immer größerem Maße. Sie bestimmen die Kommunikation mit Lieferanten, mit Kooperationspartnern und Kunden und verändern unternehmensinterne Planungs- und Produktionsprozesse.

Das bedeutet: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Handwerksunternehmen müssen geschult werden, müssen das notwendige IT-Fachwissen und die notwendigen Online-Kompetenzen erwerben. Flexible Arbeitsorganisationen, Arbeit in virtuellen Teams, dezentrale Entscheidungsstrukturen funktionieren nur, wenn die Beschäftigten im Handwerk bereit sind, den Wandel im Unternehmen auch mit zu vollziehen.

Die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Kompetenzzentren Digitales Handwerk, für die das HPI in Hannover als eine Leitstelle fungiert, haben durch einschlägige Veranstaltungen und individuelle Beratungen bereits erste Erfolge erzielt. Daher ist es aus unserer Sicht absolut notwendig, die Förderung der Kompetenzzentren Digitales Handwerk auch nach 2018 weiterzuführen. Dafür sollte sich das Land Niedersachsen auf Bundesebene einsetzen.

Um die Betriebe bei den Herausforderungen der Digitalisierung in der Breite und dauerhaft zu begleiten, sollte auf Landesebene darüber hinaus eine eigenständige Förderung der Digitalisierungskompetenz in der Beratung ins Auge gefasst werden.

Luftreinhalteziele nicht auf dem Rücken der Handwerksbetriebe durchsetzen

Das Handwerk bekennt sich zu den Anliegen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes. Um die Grenzwerte für Luftqualität in den Ballungszentren einzuhalten, sollte jedoch anstelle von Fahrverboten, die einer Enteignung oder gar Existenzbedrohung vieler Handwerker gleichkämen, gezielte verkehrspolitische Maßnahmen wie ÖPNV-Ausbau, Verkehrsverflüssigung oder die Modernisierung kommunaler Fuhrparks erfolgen. Auch eine Nachrüstung betroffener Dieselfahrzeuge kann einen wichtigen Beitrag leisten. Hierbei sollte die Politik zusammen mit der Autoindustrie sicherstellen, dass Handwerksbetriebe von den daraus resultierenden Kosten sowie den möglicherweise entstehenden technischen Risiken vollständig freigestellt werden. Denn eines ist klar: Die Verantwortung für die hohe Schadstoffbelastung der eingesetzten Dieselfahrzeuge liegt nicht bei den Handwerksunternehmen.

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