Materialwelten

Ausstellung in der Handwerksform Hannover vom 19. September 2015 bis 17. Oktober 2015

Hannover, 18. September 2015.- Nachhaltig, ökologisch, fair gehandelt: noch ist die Gruppe der Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker und der Designerinnen und Designer, die sich bei der Herstellung ihrer Exponate diesen Kriterien verpflichtet fühlen, überschaubar. Für die Handwerksform Hannover Grund genug, um diese besonderen Materialwelten in den Fokus zu nehmen.

In der Herbstausstellung 2015 zeigen wir die Arbeiten von Gestalterinnen und Gestaltern, die mit ökologisch gewonnenem und fair gehandeltem Gold oder Silber arbeiten, die beim Einsatz von Glas, Holz, Metall, Papier, Textilien oder anderen Materialien auf Regionalität, Nachhaltigkeit und geschlossene Stoffkreisläufe achten oder auf die Wiederverwendung von bereits gebrauchten Materialien setzen und dabei zeigen, dass sich das auch mit anspruchsvollem Design verträgt. Insgesamt 33 Werkstätten aus den Werkbereichen Schmuck, Textil, Metall, Glas, Holz, Leder und Papier sind vertreten.

Recycling/Upcycling ist vor allem im Schmuckbereich angesagt. So nutzt zum Beispiel Roos Arntz-van Doren gebrauchte ID-Karten – Kreditkarten, Bahnkarten, Hotelkarten, Klubkarten oder Payback-Karten – um daraus eine Schmuckserie mit dem Titel „Unsere alltägliche Identität“ zu fertigen. Brigitte Bezold setzt auf die Wiederverwertung von gebrauchten Glasflaschen und stellt Glasflaschenringe vor, für die sie die Flaschenhälse absägt, poliert und dann sandstrahlt.

Mit fair gehandeltem Silber arbeiten Franziska Bryan, Silke Lazarevic und Inge Ohly. Noch konsequenter gehen Silke Knetsch und Christian Streit bei ihrer Schmucklinie „Materia Prima“ vor. Schmuck als Luxusgut soll keine Menschen ausbeuten oder die Umwelt zerstören, sondern ausnahmslos nach ökonomisch und ökologisch vertretbaren und sozial verträglichen Gesichtspunkten hergestellt werden. Daher wird ausschließlich zertifiziert recyceltes Silber oder Gold verwendet und auf den Einsatz von Edelsteinen komplett verzichtet. Stattdessen wird auf ein altes und fast vergessenes Handwerk zurückgegriffen: die Porzellanmalerei.

Auch Heike Kähler nutzt recyceltes Silber und verzichtet auf Edelsteine. Stattdessen nutzt sie für Ihre Schmuckstücke Fensterglas, insbesondere Glasreste, die bei örtlichen Glasern anfallen. Diese werden eingeschmolzen, in Form geschichtet und verschmolzen. Eine neue Nutzung für altes Glas findet auch Adelheid Helm, die aus Flaschenglas in Verbindung mit Acryl und Silber individuelle Salzstreuer fertigt. Bei Laura Jungmann und Cornelius Réer werden Pressglasflaschen umgeformt zu einer ganzen Kollektion unter dem Titel SAMESAME. Die industriell gefertigten Glasflaschen werden dabei mit handwerklichen Mitteln sowohl ästhetisch wie auch funktional umgearbeitet. Aus einem standardisierten Massenprodukt entsteht ein hochwertiges, individuelles Einzelstück.

Ein sehr interessantes Objekt steuert Matthias Lehr zur Ausstellung bei. Er zeigt Schalen aus Corinthium aes, einer schwarzfarbigen Kupferlegierung. Die alte Technik, mit der diese Legierung hergestellt wird, hat er dabei nach einem langen Forschungsprojekt so revolutioniert, dass sie ohne den Einsatz von giftigen Chemikalien auskommt. Normalerweise benötigt man für die Legierung den Einsatz von Blei und Arsen. Darauf verzichtet Lehr komplett. Stattdessen arbeitet er mit Silber und Reinzinn. Das Kupfer, aus dem die Objekte zu 96 Prozent bestehen, stammt von einem regionalen Lieferanten, einem Schrotthändler, von dem Lehr das Kabelkupfer kauft. Für das eine Prozent Gold und Silber, das ebenfalls zum Einsatz kommt, greift er auf eine geerbte Münzsammlung zurück. Das Patinabad beruht auf organischen ungiftigen Substanzen (künstlicher Hautschweiß). Das Ergebnis überzeugt nicht nur durch ein wunderschönes, puristisches Design, sondern auch durch die achtsame Wahl der Rohstoffe.

Auch die textilen Objekte, die in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen, dass so manches Material, von dem man das nicht gedacht hat, sich wiederverwerten und zu neuen Designobjekten verarbeiten lässt. So nutzt Sabine Stasch hochwertige Haar- und Wollfilz-Reste, die bei der Anfertigung von Hüten übrig bleiben, um daraus Filzbehältnisse zu fertigen. Katrin Sundmäker recycelt alte Parkas, die aus einem deutschen Kleidersortierbetrieb stammen, und entwickelt daraus neue Mode. Heike Verspohl greift auf alten Leinendamast zurück und fertigt daraus neue Blusen, und Sylvia Bünzel stellt handgewebte Stoffe aus Leinen und Musikkassettenband her.

Karin Schmitt nutzt für ihre Taschen und Accessoires Airbagmaterial. Dabei greift sie nicht auf Airbags aus Unfallautos zurück, sondern auf Produktionsreihen, die für die hohen Sicherheitsstandards in Fahrzeugen nicht ganz ausreichten. Das Material ist besonders reißfest und langlebig, leicht, wasserfest, faltbar und einfach unverwüstlich. Die Produktion ist 100 Prozent Handarbeit. Jede Tasche ist ein Unikat, das Lifestyle mit Umweltschutz verbindet.

Recycling steht auch bei Maren Krämer ganz oben auf der Agenda. Ihr Material: die bunten Fahnen, die bei fast allen Großveranstaltungen zum Einsatz kommen. Aus ihnen entstehen Fahnenbeutel – kurz FABEU, die den Fahnen ein zweites längeres Leben ermöglichen. Das Design stammt von Maren Krämer. Genäht werden die FABEUs in einer sozialen Einrichtung in Ostwestfalen und von Mitarbeitern eines sozialen Projekts in Wien.

Second Life Rugs sind das Spezialgebiet von Ute Ketelhake. Für ihre Teppiche und Kissen verwendet sie wertvolle Reste aus der Bekleidungsindustrie, z.B. Schurwolle und ungebleichtes Leinen. Die kuschligen, opulenten Einzelstücke sprechen nicht nur die Sinne, sondern auch den Verstand an, da ihr haptisch unnachahmlicher Hochflor fast ohne Ressourcenverbrauch nach dem „closed-loop-Verfahren“ – also im geschlossenen Kreislauf hergestellt wird. Ute Ketelhake legt großen Wert darauf, dass Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig etwas mit Verzicht oder Einschränkung zu tun haben muss. Für sie ist gutes Design der Einklang von Gestaltung, Ökologie und nachhaltiger, sozialverträglicher Herstellung. Sie wurde dafür 2013 mit dem Bundespreis eco design ausgezeichnet.

Sylvia Döhler kombiniert gleich verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit bei ihrer Kollektion „Nonwovens“. Die Muster ihrer Stoffe entstehen durch die Verwendung von „Abfallprodukten“ der Natur, Kiefernnadeln und Ahornbaumblätter. Die Stoffe wurden in Deutschland entwickelt und gefertigt. Dabei kommen keine chemische Zusätze oder Substanzen zum Einsatz. Das textile Grundmaterial ist Lenzing FR, eine Zellulosefaser, die aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz, dem heimischen Buchenholz, gewonnen wird und dadurch biologisch abbaubar ist.

Wohlüberlegt und hervorragend designt sind auch die zwei Beiträge, bei denen mit Leder gearbeitet wird. Der junge, in Hannover lebende Designer Jakob Lukosch hat eine Rucksack-Kollektion entwickelt, bei der er großen Wert darauf legt, Transparenz über die Herkunft des Leders zu schaffen.

Jana Keller setzt bei Ihrer Armband-Kollektion auf die Verwendung von Bio-Lachsleder, pflanzlich gegerbtes Kalbleder in Verbindung mit fairem oder recyceltem Gold. Ihr Credo: Nachhaltigkeit und Qualität sind der neue Luxus, lokal gefertigt, einfach, reduziert und pur.

Auch in der hannoverschen Fahrradmanufaktur Piratecyclex von Kevin und Eric Höing hat Recycling und Upcycling Methode. Die Werkstatt befindet sich in zwei alten Überseecontainern. Und für die dort hergestellten Fahrräder gilt: aus alt und schrottreif wird neu und cool.

Mehr Fotos unter finden Sie in einem Flickr-Album Materialwelten.

Ausstellungseröffnung:
Freitag, 18. September 2015, 20 Uhr

Begrüßung:
Karl-Wilhelm Steinmann
Präsident der Handwerkskammer Hannover

Einführung in die Ausstellung:
Dr. Sabine Wilp
Leiterin Handwerksform Hannover

Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
Jutta Arndt / Roos Arntz-van Doren / Brigitte Bezold / Christina Braun / Brigitte Breusch-Veittinger / Franziska Bryan / Sylvia Bünzel / Sylvia Döhler / Nicole Eitel / Martina Finkenstein / Anne Fischer / Stephan Flick / Adelheid Helm / Kevin + Eric Höing / Laura Jungmann + Cornelius Réer / Heike Kähler / Jana Keller / Ute Ketelhake / Silke Knetsch + Christian Streit / Maren Krämer / Silke Lazarevic / Matthias Lehr / Jakob Lukosch / Ingeborg Ohly / Sham Patwardhan Joshi / Karin Schmitt / Heike Schumann / Sabine Stasch / Katrin Sundmäker / Heike Verspohl / Christine Weiss / Angelika Wolpert / Artemis Zafrana

Ausstellungsführungen:
Mittwoch, 30. September 2015, 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr
Mittwoch, 14. Oktober 2015, 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr

Ort:
Handwerksform Hannover
Ausstellungs- und Informationszentrum
der Handwerkskammer Hannover
Berliner Allee 17
30175 Hannover

Tel. (05 11) 3 48 59 – 21/-36
Fax (05 11) 3 48 59 – 88

E-Mail: handwerksform@hwk-hannover.de
Internet: www.handwerksform.de

wilp_sabine

Dr. Sabine Wilp

Abteilungsleiterin Kommunikation + Veranstaltungsorganisation

Berliner Allee 17
30175 Hannover
Tel. (05 11) 3 48 59 - 36
Fax (05 11) 3 48 59 - 88
wilp--at--hwk-hannover.de