Neumachen statt wegwerfen

Handwerksform Hannover startet mit der Ausstellung "Second Life" ins Ausstellungsjahr 2012

Hannover, 27. Januar 2012.- Viele Dinge des Alltags werden nach Gebrauch einfach weggeworfen und landen auf der Müllkippe. "Ex und hopp“ lautet die Devise, die dazu führt, dass jeder Deutsche pro Jahr etwa eine halbe Tonne Abfall produziert. Dass viele dieser Materialien durchaus noch für ein „"zweites Leben“ geeignet sind, das macht im Januar und Februar 2012 die Ausstellung "Second Life“ in der Handwerksform Hannover deutlich.

Gezeigt werden die Exponate von 42 angewandten Künstlern und Designer, die sich mit den Themen Re-Cycling, Re-Use und Up-Cycling beschäftigen. Denn ein Material, das für den einen keinen Wert mehr hat, kann für den anderen durchaus ein interessanter Grundstoff für ein ganz neues Produkt sein. Dass Wiederverwertung, Weiterverwertung oder Umnutzung von Materialien spannend sein kann, das machen die rund 500 Exponate, die in der Ausstellung zu sehen sind, deutlich.

Papier, das vor dem Verschwinden im Abfallcontainer bewahrt wurde, dient als Ausgangsstoff für Taschen oder fungiert als neue Oberfläche für ein Kleinmöbel. Alte Videofilme, Fahrradschläuche oder Computerteile werden zu Schmuckstücken verarbeitet. Die Trommeln von Waschmaschinen werden zu Schalen umgenutzt. Altglas mit Silber veredelt erhält ein zweites Leben als Gefäß, und ausrangierte Textilien bekommen neue Funktionen als Tasche oder Schmuck.

Zum Einsatz kommen die unterschiedlichsten Materialien. Alltägliches wie Papier, Glas, Schläuche, Joghurtdeckel, Kunststoffsiebe, Radiergummis, Kleidungsstücke, Frühstücksbrettchen, Wachsreste oder Computerteile. Aber auch eher Ungewöhnliches wie Brillengestelle, Grabsteine, Luftmatratzen, Backformen, Lederhosen oder photopolymere Platten, wie sie Druckgrafiker verwenden.

Der Anteil der Schmuckschaffenden ist bei der Ausstellung "Second Life“ relativ hoch. Einen ausgesprochen sehenswerten Beitrag liefern Claudia Adam und Jörg Stoffel mit ihrer "Zweitweg-Kollektion“. Aus den Flaschenhälsen von Einwegflaschen produzieren sie Ringe. Altglas wandert nicht in den Altglascontainer, sondern an die Hand. Dazu werden die Flaschenhälse in unterschiedliche Segmente unterteilt und dann abgesägt. Dann folgt der Formschliff. Die Oberflächen werden mattiert und die beiden Ringaußenseiten als Kontrast poliert. So entstehen Unikate in Serie. Kein Ring ist wieder andere, und die Farbenvielfalt ist ganz erstaunlich.

Jutta Arndt aus Hannover, Niedersächsische Staatspreisträgerin für das gestaltende Handwerk des Jahres 2004, hat sich für ihren Ausstellungsbeitrag von einem alten Videofilm getrennt. Das Videoband des "Terminators“ mit Arnold Schwarzenegger wurde zu einem einfarbig schwarzen Halsschmuck.

Im starken Kontrast dazu steht die von Brigitte Berndt gefertigte Kette aus bunten Joghurtdeckeln. Wo andere Schmuckgestalter auf edle Materialien wie Silber, Gold und Edelsteine setzen, da greift Brigitte Berndt lieber zu "schönem Abfall“ und zeigt, was in ihm steckt.

Seeanemonen sind eine arten- und gattungsreiche Spezies, die ausschließlich im Meer vorkommt, im flachen Wasser ebenso wie in der Tiefsee. Diese Nesseltiere haben Martina Finkenstein (Hannover) zu einer farbenfrohen Schmuckkollektion inspiriert. Stuhlbeinschutzhüllen, Telefondraht, Kunststoffschläuche und Kunststoffnetze werden zu Ringen, Armschmuck oder Broschen miteinander kombiniert. Auf diese Weise entsteht Schmuck, der Assoziationen an kleine Fabelwesen aufkommen lässt.

Ulrike Knab (Hannover), auch sie eine ehemalige Niedersächsische Staatspreisträgerin für das gestaltende Handwerk, arbeitet seit vielen Jahren mit Scherben und Fundstücken. Fundstücke, die sie überall und immer findet. Manche lassen sich regional zuordnen, andere verweigern jegliche Identifikation. Auch die Edelsteine, die sie für ihre Stücke verwendet, sind "Überbleibsel“ und "Reststücke“, lagerten oft als Solitäre über hundert Jahre bei Steinhändlern in Tütchen und Schächtelchen. Mit ihren unkonventionellen, eigentümlichen Schliffen scheinen sie für den aktuellen Markt, der nach standardisierten Maßen verlangt, keinen kommerziellen Wert mehr zu besitzen.

Überbleibsel der ganz anderen Art verwendet Anke Kruse, um daraus Schmückendes zu fertigen. Aus Brillen werden Brillenketten, nachdem sie ihr Leben als Sehhilfe beendet haben. Von Bekannten und Verwandten, auf Flohmärkten und bei Optikern hat Anke Kruse alte, getragene und zum Teil kaputte Brillen mit und ohne Rahmen gesammelt, die ihr als Ausgangsmaterial für eine kleine Kollektion von Ketten und Ohrhängern dienen.

Taschen sind immer wieder beliebte Design-Objekte. Schließlich kann Frau nie genug davon haben. Auch in der Ausstellung "Second Life“ sind zahlreiche Exemplare zu sehen. Das wohl ungewöhnlichste Ausgangsmaterial hat Susanne Schlüter aus Hannover für sich entdeckt, und sie nimmt den Gedanken der Wieder- und Weiterverwendung sehr ernst. Sie verwendet ausschließlich gebrauchte Lederhosen, die schonend gereinigt werden. Auch für das Futter ihrer Taschen nutzt sie Materialien, die schon einmal benutzt wurden. Die Taschenträger werden aus Lederresten oder alten Hosenträgern gefertigt. Schmückende Accessoires wie Anhänger, Broschen, Spitzen, Bordüren oder Knöpfe sind in der Regel gebraucht und stammen größtenteils von Flohmärkten.

Die Diplom-Designerin Astrid Jansen aus Hildesheim beschäftigt sich schon seit Jahren mit Up-Cycling. In ihrer Taschenmanufaktur entstehen, Taschen, Täschchen und Accessoires aus den verschiedensten Materialien. Zur Ausstellung "Second Life“ steuert sie eine "Rettungstasche“ bei. Das Ausgangsmaterial: gebrauchte Schwimmflügel.

In der Kategorie "Accessoires“ sind aber nicht nur Taschen zu sehen. Sehr überzeugend ist die Up-Cycling Kollektion, die Hanna Bayer aus Kassel produziert. "Upcycling bedeutet neue Produkte herzustellen aus wertlosen Produktionsrückständen, Abfällen und Altermaterialien,“ heißt es dazu auf ihrer Website. Mit kreativem Know-how bekommt scheinbar Nutzloses eine neue Funktion, ohne dass der Umweg über energieintensive Rohstoffrückgewinnung gegangen werden muss.

Taschen stellt Hanna Bayer selbstverständlich auch her. Dafür nutzt sie PVC-Planen und Autogurte. In der Ausstellung "Second Life“ zeigt sie aber ihre ebenfalls aus PVC-Planen hergestellte, sehr stylische Bürokollektion mit Papier- und Stiftekörbchen in den unterschiedlichsten Größen und Farben.

Es gibt unendlich viel zu entdecken in der Ausstellung "Second Life“. Wunderbare Gefäße aus wiederverwertetem Glas beispielsweise von Maria Bang Espersen oder Kerstin Becker. Kleinmöbel von Anja Kürsch, für die sie alte Fußbodendielen, Dachbodentrennwände, gebrauchte Schiefertafeln und alte Tapeten verwendet. Nicht zu vergessen die Recyclingleuchtenserie von Lena Peter, bei der Backformen einer neuen Nutzung zugeführt werden.

 

Ausstellungseröffnung:
Freitag, 27. Januar 2012, 20 Uhr

Ausstellung:
28. Januar 2012 bis 25. Februar 2012

Ausstellungsführung:
Donnerstag, 16. Februar 2012, 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr
mit Friederike Otto von der Werkakademie für Gestaltung und Design Niedersachsen e.V.

Ort:
Handwerksform Hannover, Berliner Allee 17, 30175 Hannover

Es stellen aus:
Claudia Adam + Jörg Stoffel/Jutta Arndt/Hanna Bayer/Annemette Beck (DK)/Kerstin Becker/Brigitte Berndt/Katja Bicker/Inka Biedermann/Christine Brandl/Sylvia Bünzel/Christiane Diehl/Maria Bang Espersen (DK)/Martina Finkenstein/Estelle Gassmann (CH)/Barbara Hattrup/Marion Heilig/Sigrun Hohl/Magdalena Höller (A)/Adriana Ionascu (GB) /Ulrike Isensee/Astrid Jansen/Silke Janssen/Johannes Keel (CH)/Ulrike Knab/Anke Kruse/Anja Kürsch/Sabine Lang/Rüdiger Lange/Julia Lange/Hanne Bay Lührssen/Waltraud Münzhuber/Barbara Nimke (CH)/Lena Peter/Ulrike Rodemeier/Claudia Römer/Lilo Schaer/Susanne Schlüter/Ebba Stahlhandske (S)/Katja Stelljes/Helle Trolle (DK)/Christina Weck/Elke Wolf

Ansprechpartnerin für die Medien:
Dr. Sabine Wilp